Hakan Gürses:
Die besonderen Orte der Medienwelt
(Hakan Gürses ist Herausgeber der "Stimme
von und für Minderheiten" und Universitätslektor
für Gegenwartsphilosophie an der Universität
Wien. Mit freundlicher Genehmigung des Autors,
1999)
Weniger ist nicht mehr, eben weniger, und nicht
der Ton macht die Musik, sondern auch die Pausen
zwischen den Tönen. Außerdem lehrt
uns die strukturale Sprachwissenschaft: Erst die
Differenz ermöglicht die Bedeutung. Ich versuche
nicht, ein Manifest für Querulanten zu verfassen;
die Rede wird von medialen Orten sein, von denen
aus die Welt anders als gewöhnlich betrachtet
und dargestellt werden kann.
Das mediale Ereignis
Versuchen wir, unsere Phantasie ein Denkspiel lang
anzustrengen, und stellen uns eine Zeitung vor
- eine fiktive Zeitung, die imstande wäre,
ausnahmslos über alles, was sich täglich
auf unserer Erde innerhalb eines bestimmten Zeitraums
ereignet, am nächsten Tag zu berichten. Wohl
auch ohne groß nachrechnen zu müssen,
können wir das monströse Produkt eines
solchen Unterfangens ausmalen: Unsere fiktive
Zeitung müsste, wenn sie auch jedem Ereignis
bloß mit einigen Worten Genüge tun
wollte, einen Umfang von mehreren Tausend Seiten
haben. Abgesehen von der faktischen Unmöglichkeit,
jedes einzelne Ereignis auf unserem Erdball
zu erfassen, ist die Sinnhaftigkeit dieses phantastisch-medialen
Auswuchses fraglich: Wer kann einen solchen täglichen
Wälzer lesen, braucht ihn überhaupt
jemand?
Trotzdem nehmen die Massenmedien für sich
in Anspruch, allumfassend zu sein. Sie legen uns
nahe, dass wir durch sie täglich alles
erfahren können - und das ist nicht allein
ein Werbe-Gag! Wird uns nicht ununterbrochen gepredigt,
und teilen wir nicht die Ansicht, die Welt werde
- besonders mittels Neuer Medien - allmählich
zu einem globalen Dorf? Früher, beteuern
wir nostalgisch bis zukunftsfroh, hörte man
erst Tage später von einer bedeutungsschweren
Naturkatastrophe auf dem Balkan, und dann unterschied
sich die Nachricht kaum von einem Gerücht.
Heute erfahren wir schon nach wenigen Stunden,
welche Brise auf Indonesien zuweht, in allen technischen
Details und mit Bildmaterial.
Wie ist es möglich, dass wir diese Illusion
von weltumfassenden Medien teilen und im
absurden Glauben leben, wir würden über
jedes Ereignis informiert - durch die Lektüre
einiger Zeitungsseiten oder durch nur eine halbe
Stunde Fernsehen?
Das erste Problem, das im Phantasie-Beispiel auftauchte
- die Unmöglichkeit, tagtäglich jedes
Ereignis zu erfassen - meistern die Massenmedien,
indem sie von vornherein definieren, was ein Ereignis
ist. Geradezu legendär ist die Gleichung
von Mensch, Hund und Beißen1). Ein mediales
Ereignis unterscheidet sich von einem beliebigen
Geschehen wie der Geburt eines unbedeutenden Kindes,
der Erkrankung irgendeiner Frau oder dem Tod eines
unbekannten Mannes. Worin? Im "News-Wert":
einer Größe, die zwar stets variiert,
aber nicht durch die Intention eines/r einzelnen
willkürlich verändert werden kann. Das
mediale Ereignis fungiert als Platzhalter, es
vertritt in der Berichterstattung einen Erdteil
(oder einen Lebensbereich, ein Thema, eine Rubrik
etc.), in dem - nach imaginärem Durchforsten
- nur dieses Ereignis für wissenswert befunden
wurde.
Die zweite Frage, wer unsere fiktive Zeitung von
Tausenden Seiten pro Tag lesen würde, können
wir eigentlich auch auf die real existierenden
Printmedien anwenden oder auf die Radio- bzw.
Fernsehprogramme, ja sogar auf die Internet-Sites,
die täglich wie Pilze aus dem elektronischen
Boden schießen: wer liest und hört
sie oder sieht sie sich an, und warum?
Die mediale Öffentlichkeit
Die Antwort auf diese Frage ergibt sich zum Teil
aus der ersten: So wie die Medien aus einer prinzipiell
unendlichen Fülle von Ereignissen per Zugriff
einige mediale Ereignisse herausbilden, machen
sie aus mehreren Millionen Individuen eine Einheit:
die mediale Öffentlichkeit - und dies
täglich! Die Individuen, die zur amorphen
Masse der Öffentlichkeit gezählt werden,
sind eigentlich von unterschiedlichsten Interessen
getragen, sie gehören diversen Gesellschaftsschichten
an, haben verschiedene Bildungsinstitutionen mit
jeweils unterschiedlichem Erfolg besucht, sie
blicken einzeln auf eine jeweils besondere Lebensgeschichte
zurück, gestalten ihre Freizeit alle auf
unterschiedliche Weise - von ihren (in der Marktforschung
bereits beachteten) Differenzen mit Blick auf
Geschlecht, Alter, Beruf etc. ganz zu schweigen.
Was verbindet diese Menschen miteinander? Ihr
jeweils persönliches Interesse am Weltgeschehen?
Wohl kaum, zumal alle Tageszeitungen dieselben
Ereignisse in standardisierten, von Nachrichtenagenturen
zugelieferten Sätzen wiedergeben; sie sind
nicht auf persönliche Bedürfnisse
zugeschnitten, sondern für eine Masse artikuliert.
Was die Individuen zu einer medialen Öffentlichkeit
macht, ist, dass sie die Notwendigkeit verspüren,
Massenmedien zu konsumieren. Die Notwendigkeit,
Teil der medialen Öffentlichkeit zu sein.
Wo liegt das Problem? Die Massenmedien wollen
sich per definitionem nicht einer speziellen Gruppe,
sondern der Gesamtgesellschaft zuwenden. Und die
Individuen, die eine Gesellschaft bilden, brauchen
solche schicht- und themenübergreifende Medien,
um über alles Gesellschaftsrelevante informiert
zu werden. Ist dies nicht ein Grundbedürfnis
der Demokratie? Ist es nicht die Grundlage der
Demokratie selbst, Mehrheiten und Konsens zu schaffen,
damit nicht einige Wenige bestimmen, wo es langgeht?
Just in diesem Demokratieverständnis liegt
aber das Problem. Es ist ein mehrheitsorientiertes,
daher stets minderheitenbildendes und -diskriminierendes
Demokratieverständnis. Nicht nur die speziellen
Interessen einzelner Personen (also etwas "Subjektives")
werden darin ausgeblendet. Auch bestimmte Abweichungen
von der definierten Mehrheit (etwa im Bereich
der sexuellen Orientierung, der körperlichen
"Funktionstüchtigkeit" oder der
Primärsprache; also etwas "Objektives")
werden mit Vernachlässigung, Verschweigen,
oft aber mit Diskriminierung bestraft.
Die Globalisierungsthese
Es ist kein so natürliches Phänomen,
dass Medien die Gesamtgesellschaft als
KonsumentInnen ansprechen. Historisch liegen die
Anfänge der an die "Masse" gerichteten
Medien erst im 20. Jahrhundert. Und was verleiht
einem Ereignis seinen News-Wert? Sicher nicht
seine "eigene Natur". Was gestern noch
die Fernsehnachrichten schmückte, gehört
heute in die Rubrik "Seitenblicke",
wenn nicht schon in die Mülltonne der Mediengeschichte:
Die Medien selbst sind es, die alles in ein mediales
Ereignis oder in Restmüll verwandeln können.
Das bedeutet aber keineswegs, dass dabei purer
Zufall oder reine Willkür herrschen. Die
Medien sind selbst bestimmten gesellschaftlichen
Zwängen unterworfen, so wie sie ihrerseits
diese Zwänge zum Teil fabrizieren.
Ich glaube nicht, dass solche strukturell oder
konjunkturell bedingten Zwänge ein für
allemal festgelegt und analysiert werden können;
dazu sind sie viel zu komplex und interaktiv.
Vielmehr handelt es sich dabei um "Dispositive",
in denen eher funktional bestimmbare Strategien
kulminieren. So kann von den Massenmedien behauptet
werden, dass ihre derzeitig wichtigste Funktion
die Bestätigung der Globalisierungsthese
darstellt.
Die Globalisierungsthese besagt, dass das Schicksal
eines beliebigen Ortes auf der Erde und seiner
Bevölkerung mit dem Schicksal eines anderen
beliebigen Ortes und dessen Bevölkerung eng
verbunden ist. Der springende Punkt ist dabei:
Die Beliebigkeit im globalen Verhältnis
wird dermaßen überbetont, dass sämtliche
Kausalverhältnisse ausgeblendet werden. Damit
auch die Form der Verhältnisse, die von Ungleichheit
über Ausbeutung bis hin zur Hegemonie reichen
können. Die Globalisierungsthese dient der
Verschleierung dieser Form. Der sprichwörtliche
Flügelschlag des Schmetterlings über
den Ozean ist es, der einen Sturm in Asien auslösen
kann und worauf es der Globalisierungsthese ankommt
- eine beliebige Verbindung.
In einem zweiten Schritt suggeriert diese These,
dass es zwar Unterschiede zwischen Ländern,
Regionen und Kulturen geben kann und soll. Sie
sind die schmackhaften Gewürze in der Suppe.
Aber die Suppe ist es, was uns alle verbindet:
Die Suppe, die wir alle - da wir alle Menschen
sind - täglich auslöffeln. Wir sind
über alle berechtigten Differenzen hinweg
ein großer Stamm, der das globale Dorf bewohnt.
Was wollte uns sonst die Milleniums-Mammut-Show
im Fernsehen beteuern: "Alle feiern das neue
Jahrtausend - Heiden, Moslems, Juden, Buddhisten
und Christen, obwohl es auf christlicher Zeitrechnung
beruht"? Erzählt uns etwa das Internet
bei jeder Einfahrt zur "Daten-Highway"
nicht diese Geschichte: "Wir sind eine große
Familie mit vielen bunten Hausfassaden"?
In einem gewissen Sinne verlagert die Globalisierungsthese
den altbekannten Nation-Mythos auf einen größeren
Maßstab. Auch die Nation muss oft auf die
Analogie der Familie rekurrieren, um eine Gemeinsamkeit
zwischen Individuen mit entgegengesetzten Interessen
zu imaginieren. Mit dem Unterschied: Die KritikerInnen
der nationalen Grenzen konnten sich auf den Internationalismus,
die Interkulturalität oder auf den Kosmopolitismus
berufen. Was aber sollen GegnerInnen der Globalisierungsthese
ins Zentrum ihrer Kritik setzen? Vielleicht in
diesem Sinne sitzen wir tatsächlich in einer
"Globalisierungsfalle").
Die Familiensagen
Dieser Zustand macht es für Medienkritik
und für kritische Medien erforderlich, nicht
mehr auf die Enge der Familie hinzuweisen (wie
es im Falle des Nationalismus zumindest theoretisch
wirksam war/ist), sondern darauf, dass es keine
globale Familie gibt. Es gibt Ausgestoßene,
Ungleichbehandelte, Fremde, es gibt Kämpfe,
Misshandlungen und Machtverhältnisse. Und
wenn wir unbedingt von einer Familie reden müssen,
dann sollten wir dabei weniger an die traute Kernfamilie
des Hollywood der fünfziger Jahre denken,
sondern vielmehr an spätere TV-Familienserien
à la "Dallas" oder "Dynasty".
Das Gute an diesen Seifenfamiliensagen war, dass
sie aus ihrer eigenen Logik heraus auch das Gegenteil
dessen darstellen mussten, was sie der Welt vorgaukeln
wollten. Denn Schönheit, Reichtum und Güte
können nicht mehr überboten werden,
wenn sie einen gewissen "Pegel" erreicht
haben. So mussten das Hässliche, die Armut
und das Böse bereits im dramaturgischen Konzept
herhalten, um die Schönengutenreichen in
aller Pracht darstellen zu können. Das Produkt
war eine Schlacht, die mit all ihrer Niedertracht
Woche für Woche vor unseren Augen tobte;
ohne Rücksicht auf Verluste. Thomas Hobbes
hätte seine Jeder-gegen-jeden-Gesellschaft
wahrscheinlich in solchen Familiensagen veranschaulicht,
hätte er das Fernsehen zur Hand gehabt.
Es geht darum, Orte in der Medienlandschaft zu
schaffen, die allein durch ihre Existenz
auf bestehende Unterschiede verweisen, auf die
Zwischentöne - auf Minderheiten. An diesen
Orten sollen Medien entstehen, die ein anderes
Verständnis davon entwickeln und präsentieren
können, was alles ein Ereignis sein kann
und wie vielschichtig die mediale Öffentlichkeit
zusammengesetzt ist.
Dies ist eine schwere, aber keine heroische Aufgabe;
bereits seit den Anfängen der Massenmedien
sind solche besonderen Orte Realität: in
Form von Fachzeitschriften, von Special-issue-
und Special-interest-Medien. Es gilt, diese besonderen
Orte zu "kultivieren" und in gleichberechtigte
mediale Lebensräume umzuwandeln.
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